Demographie und Finanzmärkte
Bevölkerungsentwicklung als Indikator für Konjunktur und Börse?
Impressum: Artikel von Rüdiger Braun, 3. März 2006
Rubrik «Anlagen», 7. April 2006: Ausführliche Abhandlung mit Grafiken
Wie kann man im Asset Management von der demographischen Entwicklung profitieren anstatt sich ihr auszuliefern? Hier hilft ein «Blick über den Zaun». Andere Branchen machen vor, wie sich aus der vorhersehbaren Entwicklung spezifischer Bevölkerungssegmente Kapital schlagen lässt. Um es ihnen gleichzutun, muss man sich allerdings von der Vorstellung lösen, dass die demographische Alterung das beherrschende Thema für die Konjunktur und den Kurs der Finanzmärkte der nächsten Jahre sein wird.
Ende des Jahres 1997 kam der Film Titanic in die Kinos. Es handelte sich dabei um eine typische Love Story vor dem Hintergrund der Havarie des Ozeandampfers, besetzt mit zwei jugendlichen Hauptdarstellern, Leonardo DiCaprio und Kate Winslet. Er wurde zum Kassenknüller. Wenig später, im Mai 1998, gab es in den USA nicht weniger als sechzig Film- und Fernsehproduktionen, welche allesamt im Schulmilieu spielten. Wieviel Vertrauen in die eigene Urteilskraft bedarf es, um Investitionen solchen Ausmasses zu tätigen?
Die Zahl der Studien ist Legion, in denen nachgewiesen wird, dass Aktienkurse einem Zufallspfad folgen, Aktienanlagen per saldo Rentenanlagen überlegen sind, und dass Market Timing letztlich die Ursache dafür ist, dass die Benchmark verfehlt wird. Welcher Hybris und Ate bedarf es, um solche Hypothesen zu formulieren, die nach den Erfahrungen der sechziger und siebziger Jahre und erst recht nach dem Kursdebakel der Jahre 2000 bis 2003 wie blanker Hohn klingen?
Offenbar gibt es einen Unterschied zwischen Filmindustrie und Asset Management. Während sich die einen der Tatsache bewusst waren, dass der Markt für romantische Filme und jugendbezogene Themen im Wachsen begriffen war, blendeten die anderen, um im Filmjargon zu bleiben, den demographischen Gezeitenwechsel buchstäblich aus.
Die Konsumgüterindustrie wusste von jeher, dass sie für ganz bestimmte Kundengruppen produziert. Filme der oben beschriebenen Art, Mountainbikes und Snowboards werden nun mal nicht für Kunden jenseits der sechzig hergestellt, sondern für junge Konsumenten. Der Geburtenrückgang im Zuge des «Pillenknicks», der Mitte der sechziger Jahre eingesetzt hatte, war rund zehn Jahre später zum Stillstand gekommen und die Geburtenzahlen in Nordamerika hatten sich seitdem kräftig erholt. Damit war absehbar, dass knapp zwanzig Jahre später, eben Mitte der Neunziger, eine neue Generation jugendlicher Interessenten für eben diese Produkte am Markt als Nachfrager auftreten würden. top ↑
Das Asset Management kann von der Filmbranche und vielen anderen lernen. Leider werden die Zusammenhänge zwischen Demographie, dem privaten Verbrauch und den Finanzmärkten durch die bis zum Überdruss geführte Diskussion um die demographische Alterung, die drohende Schieflage der Sozialversicherung und den unterstellten Implikationen für die Kapitalmärkte eher verschattet denn erhellt. Zu diesem Schluss muss man kommen angesichts des schieren Raumes, den diese Thematik in den Medien und den Studien verschiedenster Organisationen einnimmt. Die in Verbindung mit der demographischen Alterung und ihren unbestreitbar brisanten Konsequenzen für alle Bereiche der sozialen Sicherungssysteme gemachten Überlegungen sind bereits fester Bestandteil der Vorstellungswelt institutioneller Anleger geworden. Nämlich: Demographischer Wandel ist langfristig und verläuft träge. Er wird von zu vielen anderen Faktoren überlagert, als dass er zur Börsenprognose tauglich wäre. Überhaupt liegt in den Schwellenländern die Zukunft, denn diese leiden nicht unter der demographischen Alterung. top ↑
«Famous last words!», möchte man sagen. Oder besser, um mit Goethe zu sprechen, «Mehr Licht!» Also wollen wir die demographischen Trends und ihre Tauglichkeit für die Konjunktur- und Kapitalmarktprognose schlaglichtartig erhellen.
Menschen, die arbeiten und konsumieren, sind die Grundlage jeder Volkswirtschaft. Auf der Basis historischer und aktueller Geburtenzahlen lässt sich die zahlenmässige Entwicklung wichtiger Bevölkerungssegmente präzise in die Zukunft projizieren. Die Verlässlichkeit der Konjunktur- und Finanzmarktprognosen ist daher erheblich besser als bei herkömmlichen Methoden. top ↑
Die Veränderung des privaten Verbrauchs, mit gut 60 Prozent Löwenanteil am BIP, wird im wesentlichen von den jungen Konsumenten bestimmt, nicht von den Erwerbspersonen insgesamt. Der Berufseintritt und die Familiengründung sind die beiden zentralen Ereignisse, welche zu starken Ausgabenzuwächsen führen, typischerweise um das zwanzigste bzw. dreissigste Lebensjahr. Daneben kommt es zu grösseren Schwankungen im Konsum aufgrund veränderter Frauenerwerbstätigkeit, die überwiegend eine Funktion der aktuellen Geburten ist. Die Summe dieser drei Bestimmungsfaktoren steuert massgeblich den privaten Verbrauch. Dieser Zusammenhang ist äusserst straff, gilt für alle von uns untersuchten Regionen und macht die Bevölkerungsentwicklung zu einem besonders tauglichen Konjunktur- und Börsenindikator. top ↑
Entgegen der öffentlichen Wahrnehmung ist es immer wieder zu abrupt schwankenden Geburtenzahlen gekommen. Bezogen auf einzelne Jahrgänge verläuft die Bevölkerungsentwicklung nämlich alles andere als kontinuierlich. Entsprechend heftige Rückwirkungen auf die Konjunktur waren die Folge. Die Kenntnis dieser Wendepunkte ist deshalb von grösster Bedeutung für die Antizipation von Kursbewegungen. So haben scharfe Geburtenrückgänge mit ca. dreissigjähriger Verzögerung stets zu einer Abnahme der Verbraucher geführt. Beispielsweise hatte der Geburtenausfall im Zweiten Weltkrieg in den Jahren 1970 bis 1974 eine scharfe Rezession zur Folge. Der «Pillenknick», welcher Mitte der sechziger Jahre einsetzte, war die Ursache der Nachfrageschwäche seit Beginn der neunziger Jahre. Die Implosion der Geburtenzahlen in den USA zu Beginn der siebziger Jahre, ein Erbe des Vietnamkrieges, erschütterte die Weltbörsen in den Jahren 2000 bis 2003.
Die negativen Auswirkungen von «Pillenknick» und Vietnamkrieg liegen nunmehr hinter uns. Die Geburtenzahlen haben zugenommen und entfalten ihre positive Wirkung auf Konjunktur und Kapitalmarkt, weil die Zahl der jungen erwachsenen Konsumenten, zwar nicht ohne Schwankungen, so doch auf lange Sicht zunehmen wird. Die Aktienhausse der vergangenen drei Jahre weist bereits den Weg. Aktien werden generell von dem demographischen Wandel profitieren, besonders die kleinen und mittleren Unternehmen, da die Preisüberwälzungsspielräume wiederaufleben. Steigendes Preisniveau und wachsende Kreditnachfrage trüben andererseits die Perspektiven für Rentenanlagen nachhaltig ein.
Zurückhaltend sind die demographischen Rahmenbedingungen für die wirtschaftliche Zukunft der Schwellenländer zu beurteilen. Im Zuge des «demographischen Übergangs» ist es hier vorwiegend in den siebziger Jahren zu rapiden Geburtenrückgängen gekommen, die nun – wie zuvor in den klassischen Industrieländern – zu ausgeprägten Belastungsfaktoren reifen. In diesem Zusammenhang ist China nur das prominenteste Beispiel für eine demographische Vollbremsung. top ↑
Rüdiger Braun
geschäftsführender Gesellschafter der Advice & Opinion Kapitalmarktresearch GmbH
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Fon 0049 211 55869142, advice-opinion@t-online.de
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