«Ich vertraue den letzten 100 Jahren»
Profond-Chef Herbert Brändli zu seinem ungebrochenen Glauben an die Aktien als Wohltäter der Vorsorge
Impressum: Interview von Yves Carpy vom «Sonntag», 28. Juni 2009, mit Herbert Brändli, B+B Vorsorge AG. Das PDF des Artikels im Sonntag herunterladen.
Die Sammelstiftung Profond muss saniert werden.Ihr Deckungsgrad lag Ende 2008 bei nur noch 82 Prozent. Dennoch hält Gründer Herbert Brändli am Aktienanteil von 50 Prozent fest.
Yves Carpy: Wo steht die Börse Ende Jahr?
Herbert Brändli: Profond macht keine Prognosen über den Börsenstand zu irgendeinem Zeitpunkt.
Ist «Management by hope» bei einem Vorsorgewerk angemessen?
Wir lassen uns nicht von der Hoffnung leiten, sondern aus der Erfahrung: Seit es Statistiken gibt, haben die Aktien die grösste Wertsteigerung unter allen Anlageklassen erfahren. Ihre Kursschwankungen, das heisst die Risiken, sind auf einen Zyklus von 40 Jahren gesehen praktisch auf dem gleichen Niveau wie jene von Obligationen. Wir halten deshalb an unserem strategischen Aktienanteil von 50 Prozent fest.
So lange können die Wenigsten warten.
Die Deckung hat bei Profond per 31. Dezember 2008 82,4 Prozent betragen und ist bis zum 31. Mai 2009 wieder auf über 90 Prozent geklettert. Diese grossen Schwankungen sind der Preis für den hohen Aktienanteil. Dafür hat Profond langfristig hohe Ertragserwartungen, weil Aktien verglichen mit Obligationen viel besser rentieren. Auch punkto Rentenumwandlungssatz zeigt der Blick zurück, dass gemessen an der tatsächlichen Lebensdauer viel höhere Renten hätten ausgezahlt werden können, wenn der Aktienanteil höher gehalten worden wäre. Wir halten den Umwandlungssatz bei 7,2 Prozent und werden als unseriös bezeichnet. Die Lebensversicherer streben 5 Prozent an.
Ihre guten Leistungen gingen offenbar auf Kosten der Substanz.
Wir haben keinen Substanzabbau betrieben. Das Problem stellt sich tatsächlich nicht bezüglich der Finanzierung von fernen Leistungen, sondern im konkreten Umgang mit kurzfristigen Unterdeckungen. Hier stellt sich die Frage: Wie kann Profond in dieser Situation Einbussen auf fällige Leistungen vermeiden?
Die Opfer einer Entlassungswelle sind doppelt bestraft: Sie erhalten von Ihrer Pensionskasse nur einen Teil der Guthaben ausbezahlt.
Ja, aber der Deckungsgrad besagt wenig über die Höhe einer Leistung. Das will heissen: Ein niedriger Deckungsgrad hat für die Versicherten nicht automatisch tiefere Teilliquidationsleistungen zur Folge: 85 Prozent eines Vermögens von 100 Franken der Kasse P ist mehr als 100 Prozent eines Vermögens von 80 Franken der Kasse V. Trotzdem bietet Profond im Falle von erzwungenen Teilliquidationen den Betroffenen einen freiwilligen Verbleib in der Stiftung an, bis der Deckungsgrad wieder ausgeglichen ist. Der neue Arbeitgeber müsste aber einen Anschlussvertrag unterzeichnen.
Sie verfolgen eine Schönwetter-Strategie. In den letzten zehn Jahren bis Ende 2008 lag Ihre Performance nur minimal bei 1 Prozent.
Seit der Gründung der Profond 1990 hat die Performance im Mittel 5,2 Prozent betragen. Bis Ende 2007 hatte sie noch bei 6,9 Prozent gelegen, was durchschnittlich jährliche Verzinsungen der Altersguthaben über 5 Prozent und Rentenerhöhungen von 1 Prozent erlaubt hat. Klar müssen wir jetzt kleinere Brötchen backen. Doch langfristig sollen die Versicherten vom Wirtschaftswachstum profitieren.
Es wird in Zweifel gezogen, ob Aktien auch künftig im selben Mass zulegen.
Ich vertraue mehr der Entwicklung über die letzten 100 Jahre als den Prognosen einiger Gurus heute. Ich bin zutiefst überzeugt, dass der Mensch immer wieder Wege findet zum Vorwärtsgehen, solange Unternehmertum da ist. Darum müssen wir in Firmen, die Motoren der Wirtschaft, investieren, auch wenn ab und zu eine verschwindet. Pensionskassen sind ja theoretisch ewig da – und es entstehen immer wieder neue Firmen.
Sie werben mit Ihren Leistungsversprechen immer neue Kunden an. Helfen Ihnen diese bei der Sanierung?
Nein. Im System der zweiten Säule erfolgen bei Mutationen keine Einkäufe in Reserven, und umgekehrt können Austritte nicht an den freien Mitteln partizipieren. Diese Verwässerung von Überschüssen bzw. Unterdeckungen liegt an von mir immer wieder beanstandeten systemischen Mängeln der Freizügigkeitsregelung. Das wollen wir unseren Neukunden nicht zumuten. Deshalb gliedern wir Freizügigkeitsleistungen über dem Deckungsgrad den Betroffenen als Sondervermögen aus.
Wie verzinsen Sie diese?
Grundsätzlich erfolgt bei Profond die Verzinsung der Sondervermögen analog zu den Altersguthaben. Im Moment werden sie als Teil des Sanierungspakets aber nicht verzinst.
Mit welchen Massnahmen müssen Sie Profond sanieren?
Zur «Sanierung» des Deckungsgrads wurde beschlossen, die Verzinsung der Altersguthaben bis auf Weiteres auf den BVG-Minimalzins von 2 Prozent zu beschränken. Unser Experte hat auf dieser Basis, bei einer Sollrendite von 4,2 Prozent, eine Erholungszeit von 9,3 Jahren berechnet. Bis Mitte Mai, nach 5,5 Monaten und einer aufgelaufenen Rendite von 8,8 Prozent, war davon fast die Hälfte abgearbeitet. Stellen Sie sich vor, wir hätten die Aktien im Tief verkauft!
Die NZZ warnte, das Auffangnetz des Sicherheitsfonds sei für einen Bankrott von Profond nicht gerüstet.
Sagen Sie mir, was soll ein Bankrott einer Sammelstiftung sein?
Wenn Sie Ihren Leistungsversprechen nicht mehr nachkommen können.
Genau das ist noch lange nicht der Fall, trotz Unterdeckung. Uns fliessen viermal so viele Spar- und Versicherungsprämien zu, wie wir an Renten auszahlen. Wir haben laufend zusätzlichen Anlagebedarf. Dieser Liquiditätsüberhang wird auf absehbare Zeit so bleiben und attestiert Profond eine überdurchschnittliche Risikofähigkeit, das heisst, wir können Marktschwankungen aushalten.

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