Ode an die Primate(n)

Impressum: Dieser Artikel von Herbert Brändli, Geschäftsführer der B+B Vorsorge AG, ist erschienen in der FuW, 6. April 2002

Immer wieder, wenn Mann oder Frau in der beruflichen Vorsorge nicht mehr so genau weiter wissen, werden die Primate bemüht. Das Hohelied auf Leistungsprimate und der Abgesang der Beitragsprimate erklingen aus allen Ecken. So war es bei der Einführung des BVG, später in der Diskussion der vollen Freizügigkeit, der Verdammung der Internationalen Accounting Standards (IAS) und so ist es jetzt, wo es um minimale Zins- und Umwandlungssätze geht.

ich sage nichts, ich sehe nichts, ich höre nichts

Sind das die Vorsorgeprimaten?

Der Duden unterscheidet für «Primat» zwischen Plural und Singular und schreibt von Halbaffen, Affen und Menschen bzw. von deren bevorzugter Stellung in der Ordnung der Tiere. In der beruflichen Vorsorge geht es eher um die Frage, ob die Beiträge die Leistungen oder die Leistungen die Beiträge bestimmen ? Oder anders herum: Betreiben Pensionskassen Altersvorsorge, damit es den Versicherten im Alter wohl ergeht, oder betreiben wir Altersvorsorge, damit es heute den Pensionskassen und ihren Mitessern gut geht?

Nur wenige wissen, welche Bedeutung in dieser Frage den Primaten zukommt – dabei ist die Erklärung ganz einfach: Laufe ich mit meinem «Chesseli» zum Bäcker und will es halb voll, muss er fünf Löffel Mehl einfüllen. Geht mein Nachbar hin, und der Bäcker schaufelt gleichfalls fünf Löffel, dann sagt er, sein «Chesseli» sei halb leer.

Auf den ersten Blick erscheint der Vorgang in Pensionskassen nicht ganz so einfach. Das Bundesamt für Statistik beschreibt die Problematik so: «Das gesetzliche Obligatorium ist auf dem System des Beitragsprimats aufgebaut. Bei diesem richten sich die Leistungen der Vorsorgeeinrichtungen nach den geleisteten Beiträgen». Zwei Seiten später liest man: «Im Gegensatz zu den Leistungen schreibt das BVG keine Beitragssätze vor. Es ist den Pensionskassen überlassen, wie sie die Altersguthaben finanzieren». Alles klar über dieses brutale Primat der unbekannten Beiträge, das uns hier und heute drückt?

Was Wunder halten sich manche Fast-Experten und Experten lieber an zwar ebenfalls unbekannte, aber noch viel fernere Leistungen. Diese Leute müssen nämlich immer genau begründen können, warum ihre Prognose nicht stimmte. top ↑

Ein Experte ist ein Mann, der hinterher immer genau sagen kann, warum seine Prognose nicht gestimmt hat. Winston Churchill

Die hypothetischen, altbewährten Leistungsprimate eignen sich dazu hervorragend. Ihnen werden geradezu Zauberkräfte nachgesagt – so auch in der NZZ zur Zinssatzfrage im BVG. Die «alte Tante» mausert sich beim Versuch einer schlüssigen Antwort zum «Primus inter Primaten». Ihre Wörterträger meinen, dass der Primat-Typ entscheidet, ob und wie eine Kasse von einer allfälligen Anpassung der Mindestverzinsung profitieren kann.

Je nachdem würden die Vorsorgeeinrichtung oder die Versicherten das Risiko tragen. Fragt sich nur, welches Risiko gemeint ist. Ist es die Gefahr, dass die Gelder schlecht verwaltet oder umverteilt oder Versicherte über den Tisch gezogen werden und Dritte profitieren – oder, dass auch die Tumben begreifen, was in der Vorsorge abläuft und sogar Steuervögte die Berechnungen der Pensionskassen verstehen können?

Nichts dergleichen ist möglich mit den BVG-Minimalleistungen. Sie variieren allein mit dem Lohn der Versicherten und werden mit altersabhängigen Altersgutschriften, dem gesetzlichen Umwandlungssatz und dem minimalen BVG-Zinssatz bestimmt. Sie sind unabhängig von Vermögen und Unvermögen der Vorsorgeeinrichtungen und den Beiträgen.

Landesweit sind bei gleichem Lohn keine Leistungsdifferenzen auszumachen, sieht man von den natürlichen Unterschieden zwischen den Geschlechtern ab. BVG-Minimalleistungen geniessen in der beruflichen Altersvorsorge das Primat schlechthin. Dieser vermeintliche Prototyp des Beitragsprimats ist wahrscheinlich das einzige, reine Leistungsprimat, das in der Schweiz praktiziert wird. Weil seine Ziele von Beginn an bescheiden ausgelegt wurden, wäre ein be- und durchdachter Umgang mit seinen Bestimmungsgrössen wünschenswert.

Fragen der Finanzierung der beruflichen Altersvorsorge sind mit der Primatologie kaum lösbar, wie das Chesseli-Beispiel zeigt. Vorausgesetzt wir verschütten auf dem Heimweg kein Mehl und die Mäuse fressen nicht vom Lager, können mein Nachbar und ich die gleiche Menge Teig anrühren. Was für Brötchen und wie viele wir schliesslich wann backen und verteilen, hängt von den Zutaten, der Form, der Hitze unseres Ofens und nicht zuletzt vom eigenen Hunger ab. Ob nun im Vorsorgereglement Leistungen oder Beiträge den Ton angeben, niemand wird ernsthaft behaupten, dass davon Produktivität, Sicherheit und Output der Pensionskasse bestimmt werden.

Leistungsprimate garantieren nichts, wenn der Kapitalmarkt nicht will und die Kasse nicht kann. Allenfalls dienen sie der Kaschierung von geringer Effizienz und Umverteilungen besser als andere Modelle. Statt Primate zu verteufeln, sollten Mann und Frau sich ein Beispiel an den ursprünglichen Primaten nehmen. An der New Yorker Börse erzielten sie mit einer gezielten Auswahl von Aktientiteln äusserst kostengünstig Spitzenergebnisse mit der Verwaltung fremder Vermögen. Zum Lohn frassen sie keine Basispunkte und gaben sich mit Bananen zufrieden. top ↑

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