Offener Brief:
Verletzliche Pensionskassen

Impressum: Offener Brief von Herbert Brändli, B+B Vorsorge AG, Thalwil an:

- Werner Enz, NZZ
- Vorsorgeeinrichtung Karton Deisswil AG
- ASIP, Schweizerischer Pensionskassenverband
- Stephan Gerber, Präsident Kammer der Pensionskassenexperten
 

Verletzliche Pensionskassen

Problematik BVG-Umwandlungssatz – ein aktuelles Beispiel
NZZ vom Mittwoch 14. April 2010

Gut einen Monat nach dem klaren Verdikt des Souveräns gegen weitere Leistungsreduktionen lecken die Verlierer des Abstimmungskampfes um den Umwandlungssatz immer noch Wunden. Statt Lösungsmöglichkeiten aufzuzeigen, wie sie dem Willen der Vorsorgenehmer nach mehr und angemessenen Pensionskassenleistungen gerecht werden können, suchen sie krampfhaft Beispiele zur Rechtfertigung ihrer untauglichen Modellberechnungen.

Gefangen im eigenen Modell und ohne Detailkenntnisse über Dritte zu urteilen ist leider in gewissen Kreisen state of the art im betrieblichen Vorsorgewesen. Im weiten Mantel des Schweizerischer Pensionskassenverbands Asip bewegt sich der Experte Gerber zwar weg von versicherungsmathematischen Formeln, wagt sich aber umso weiter in den trüben inneren Argumentationssumpf, indem er einen konkreten Fall bemüht, der ihm nach eigenem Bekunden nicht bekannt ist. Mit einem Schlag, so die NZZ, stellt er klar, dass in seinem Pensionskassenmodell die Rentner von den Aktiven abhängig sind. Weil ein Arbeitgeber die Mitarbeiter über Nacht auf die Strasse gestellt habe, seien die laufenden Renten der Pensionskasse gefährdet.

Denselben Unsinn hört man immer wieder, beispielsweise im Zusammenhang mit dem Untergang der Swissair, welcher gerne als Negativbeispiel zur Begründung von für den erfahrenen Wirtschaftsjournalisten Enz ernüchternden Zusammenhängen angeführt wird. Eine einfache Nachfrage würde genügen, um festzustellen, dass die Swissair-Pensionskassen nicht wirklich unter dem Zusammenbruch ihrer Stifterfirma gelitten haben. Vieles mag auf Seiten der Firma falsch gelaufen sein, aber die Stiftungen haben ihre Hausaufgaben allesamt gemacht. Sie verfügten immer über genügend Vermögen, um ihre Rentenverpflichtungen zu erfüllen. Falls diese Bedingungen auch bei der Karton Deisswil AG erfüllt sind, ist beispielsweise die Sammelstiftung Profond jederzeit für eine Übernahme des Rentenbestands bereit.

Finanzielle Belastungen der aktiven Versicherten für laufende Rentenzahlungen erfolgen nur, wenn das Kapitaldeckungsverfahren nicht sauber umgesetzt wurde. Nur wenn die Planrechnung auf Dauer höhere Vermögen und Erträge verlangt, als tatsächlich erwirtschaftet werden, entstehen in Pensionskassen nachhaltige Finanzierungsprobleme. Ein solches liegt dann vor, wenn die langfristigen Nettoerträge (Erträge minus Kosten) unter den kalkulatorischen (technischen) Zinsen liegen.

Ein solches Missverhältnis ist heute bei den meisten Pensionskassen nicht gegeben, wird aber spätestens dann eintreten, wenn sie der verqueren Risikokonzeption ihrer Anlageberater aufsitzen, die versuchen mit Ab- und Versicherungen den natürlichen Lauf der Finanz- und Kapitalmärkte zu glätten. Damit wird praktisch eine Abkehr vom Kapitaldeckungs- zum Umlageverfahren vollzogen.

Herr Enz nimmt in seinem Artikel diese Katastrophe vorweg, indem er das aktuell tiefe Zinsniveau kurzerhand zu hartnäckig niedrigen Langfristzinsen erklärt, diese den Erträgen der Pensionskassen gleichsetzt und damit deren Bankrott verkündet. Mit derart modellierten Erträgen werden Pensionskassen tatsächlich nicht mehr tragfähig und ihrer Aufgabe nicht mehr gewachsen sein. Der Wechsel zum Umlageverfahren ist nicht mehr weit.

Herbert Brändli

B+B Vorsorge AG
Zürcherstrasse 66
8800 Thalwil

 

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