Pensionskassen in der Abseitsfalle

Wollen PK-Verwalter zum Wohl der Versicherten aggressiv investieren, werden sie vom Gesetzgeber zurückgepfiffen.

Impressum>: Mit freundlicher Genehmigung des Autoren, Andreas Müller. Cash 22. Juni 2006, Seite 41, Pensionskassen und Anlagestrategie. © 2006 Cash/Ringier AG.

Der Aktiensturz setzt Pensionskassen unter Druck. Laut Gesetz muss ihre Anlagestrategie nicht langfristig eine hohe Rendite erzielen, sondern kurzfristig den Deckungsgrad einhalten. Ein teurer Unsinn.

Nach einem ausgezeichneten Anlagejahr 2005 wurden die Pensionskassen (PK) im laufenden Jahr kalt geduscht. Die jüngsten Kursrückschläge an den Weltbörsen haben auch bei den Portefeuilles der Pensionskassen ihre Spuren hinterlassen. Dabei begann das Jahr 2006 doch viel versprechend. Im April erwirtschafteten die Pensionskassen noch 0,5 bis 3,5 Prozent Rendite. Mitte Juni verwandelten sich diese Gewinne in Verluste. je nach dem gewählten Aktienanteil der Anlagestrategie müssen die Pensionskassen seit Anfang Jahr nun eine Einbusse zwischen 2,5 und 4,0 Prozent hinnehmen.

Das Auf und Ab an den Börsen könnte die PK-Verwalter und -Stiftungsräte ja eigentlich kalt lassen. Denn sie investieren das Geld ihrer Mitglieder über den Jahrzehnte dauernden Zeitraum einer Berufs- und Pensioniertenkarriere. Es gibt auch die geeignete Anlagestrategie dafür: «Pensionskassen sollten in Aktien investieren und damit an der Produktivität der Volkswirtschaft teilhaben», sagt der PK-Versicherungsexperte und mehrfache Stiftungsratspräsident Herbert Brändli.

Die Realität sieht anders aus. Von Gesetzes wegen müssen PK ihren Deckungsgrad, das Verhältnis ihrer Vermögenswerte zu ihren Verpflichtungen, jährlich ausweisen. Fällt der Deckungsgrad unter 90 Prozent, so sind Sanierungsmassnahmen einzuleiten. Diese kurzfristige Optik hat negative Auswirkungen.

Falls ihr Deckungsgrad ungenügend ist, sind die PK gezwungen, ihren Aktienanteil massiv zu reduzieren. Im Jahr 2003 warfen deshalb zahlreiche PK ihre Titel zu schlechten Kursen auf den Markt. Das ist unsinnig, sagt Herbert Brändli: «Die Pensionskassen mussten ihre Aktien ohne eigentliche Notlage zu Tiefstkursen abgeben. Sie hatten ja keine Einbussen realisiert, sondern bloss Buchverluste erlitten!» top ↑

«Ein übersteigertes Bedürfnis nach Sicherheit»

Mit dem Abbau der Aktienquote ist solchen Kassen nicht geholfen. Im Gegenteil: Sie kommen vom Regen in die Traufe. Denn mit der tieferen Aktienquote werden sie von einem erneuten Aufschwung an den Börsen nicht profitieren. Entsprechend bleiben ihr Deckungsgrad und ihre Risikofähigkeit tief und somit ihre zukünftigen Gewinnchancen stark eingeschränkt.

Die Fixierung auf den jährlich auszuweisenden Deckungsgrad erschwert nicht nur die Sanierung von PK, sondem führt auch dazu, dass PK-Verwalter einen zu kurzen Anlagehorizont verfolgen. «Eine Anlagestrategie, die kurzfristig sicher ist, ruiniert langfristig die Pensionskasse», sagt Thomas Härter, Chefstratege von Swisscanto. Und: «Eine Strategie, die langfristig erfolgreich ist, ist kurzfristig risikoreich.»

Verfolgt eine PK nämlich eine «sichere» Anlagestrategie, so rutscht ihr Deckungsgrad in den ersten fünf Jahren nicht unter die kritische Marke. Danach führt diese Strategie jedoch mit Sicherheit ins Verderben, wie eine bisher unveröffentlichte Studie von Swisscanto zeigt. Bei einer genügend aggressiven Strategie ist über den gesamten Anlagehorizont mit einer zeitweiligen Unterdeckung zu rechnen. Die PK erzielt erst mit einer aggressiven Strategie so viel Rendite, dass auf lange Sicht eine Unterdeckung unwahrscheinlich ist. Dies hat aber eine Kehrseite: In den ersten zehn Jahren ist eine massive Unterdeckung wahrscheinlich. Deshalb ist eine solche für die zukünftigen Rentner attraktive Anlagepolitik in der Schweiz nicht möglich. Denn der Deckungsgrad, nicht die langfristige Performance, muss Jahr für Jahr stimmen.

Eine aggressivere Anlagestrategie wäre angesagt. Dies wird durch die jährlich zu erfüllenden Erfordernisse an den Deckungsgrad aber verhindert. «Dahinter verbirgt sich ein typisch schweizerisches, übersteigertes Bedürfnis nach Sicherheit», sagt Thomas Härter, «beinahe eine Art „Deckungsgrad-Wahn“.» top ↑

Anlagestrategien, die kurzfristig sicher sind, sind langfristig unsicher – und umgekehrt

Szenario 1

Die «sichere» Anlagestrategie setzt ganz auf Schweizer Bundesobligationen mit mittlerer Laufzeit. Dies wirft im Szenario pro Jahr zwar bloss 1,5 Prozent Rendite ab, dafür aber auf sicher. Die Kehrseite: Ab dem dritten Jahr rutscht die PK todsicher in die Unterdeckung.

Szenario 2

Bei der ausreichend aggressiven Strategie wird ein Aktienanteil von rund 20 Prozent gefahren. Es wird mit einer Rendite von 4 Prozent gerechnet. Eine zeitweise Unterdeckung der PK ist während des ganzen Anlagehorizonts von 30 Jahren wahrscheinlich.

Szenario 3

Die aggressive Anlagestrategie setzt zu 70 Prozent auf Aktien und erwirtschaftet rund 7 Prozent Rendite. Während der ersten 12 Jahre ist eine Unterdeckung wahrscheinlich. Danach hingegen nicht mehr. Der Deckungsgrad erreicht nach 30 Jahren 250 Prozent. top ↑

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