Adäquates Risikomanagement

Impressum: Autor ist Herbert Brändli (Details) – Artikel in Stocks / Das Schweizer Anleger-Magazin, 28. Oktober 2011.

Pensionskassen agieren nicht selten zum Nachteil der Versicherten. Was nun statt «ass covering» und «window dressing» gefragt ist.

Risikomanagement heisst systematische Lokalisierung und Bewertung sowie Steuerung und Kontrolle von Risiken im Hinblick auf die zentralen Aufgaben. Der systematische Umgang mit dem Risikogeflecht sichert Ziele und Fortführung der Pensionskassen. Ihr Hauptrisiko ist das Verfehlen der Ertrags- und Leistungsziele. Davon losgelöste Annahmen - beispielsweise die Vorstellung, dass Anlagerisiken mit Schwankungsreserven vermieden oder gesteuert werden können - verstärken im schlimmsten Fall die Hauptrisiken und können das gesamte System gefährden. Volkswirtschaftlich ergeben sich ganz andere Problemstellungen und Risikokonstellationen als für einzelne Vorsorgeeinrichtungen, für ihre Versicherten oder für Rentner.

Die Vermischung aktueller Wirtschaftsprobleme mit strukturellen Elementen der 2. Säule vermittelt Pensionskassen den Eindruck, dass die über Jahrhunderte erfahrene Volatilität der Anlagemärkte ihre Sicherheit gefährde. Indem sie dann wirtschaftliche Schwankungen bekämpfen (müssen), ruinieren sie ihr Ertragspotenzial und stellen damit sogar die eigene Daseinsberechtigung in Frage. Gleiches gilt für die zunehmende Lebenserwartung, die zum Risiko erklärt wurde, obwohl sie längst bekannt und einfach kalkulierbar ist. Ihre finanzielle Absicherung zählt zu den Hauptaufgaben von Pensionskassen und könnte mit Erträgen erfolgen, die zulasten der Volatilitätsdämpfung preisgegeben werden. Die krisenerprobte Repetition von «Diesmal ist alles anders», wird auch diesmal nicht weiterhelfen.

Aus dumpfen Ängsten und Weissagungen sind keine verlässlichen Risikoidentifikationen möglich. Niemand ist heute in der Lage, naheliegende, geschweige denn ferne Wirtschafts- und Marktbewegungen vorherzusagen. Hingegen werden sich die Märkte bis zum fernen Weltuntergang immer wieder erholen. Inmitten der Haussen und Baissen dienen Pensionskassen - ihre dritte Hauptaufgabe - als Puffer für gleichmässige, nachhaltige Leistungen. Sie sind darum immer und automatisch in Unter- oder Überdeckung. Die gleichzeitige Erfüllung der obrigkeitlichen Finanzierungs-, Leistungs- und Deckungsgradlimiten ist nicht machbar.

Vorsorgeeinrichtungen können Marktausschläge nicht bekämpfen, sondern müssen lernen, damit vernünftig im Sinne ihrer Destinatäre umzugehen. Bis anhin fanden in Pensionskassen kaum eigenständige, ganzheitliche Risikomanagement-Prozesse statt. Unter dem Diktat spekulativ getriebener Finanzmärkte, die sich immer weiter von volkswirtschaftlichen Prozessen lösen, werden vor allem Instrumente zur Risikosteuerung einzelner Anlageklassen nachgefragt. Im Vordergrund steht die Absicherung von Währungen und Wertschwankungen. Mit diesem teuren und untauglichen Versuch, Schwankungen zu bekämpfen, wird zugunsten irrelevanter Kennzahlen am Jahresende wertvolle Ertragssubstanz geopfert.

Schlimmer noch: Die vereinigte, kurzfristige Spekulationsoptik verstärkt die damit bekämpften Schwankungen und provoziert noch mehr zyklische Bewegungen. Diese kurzsichtige, verquere Risikobewirtschaftung wiegt besonders schwer, weil die Absicherungsinstrumente sehr teuer sind. Die Festlegung der internen Zins- und Umwandlungssätze obliegt der Pensionskasse und erfolgt mittels der Anlagestrategie. Die Produktion werthaltiger Leistungen darf nicht Spekulationen folgen. Sie basiert auf Zinsen, Mieten und Dividenden und erfordert Investitionen in produktive Anlagevehikel. Eine sinnvolle Allokation der Pensionskassenvermögen findet demnach bei den Basisanlagen statt.

Dort entspricht der höchste realisierbare Ertrag den Gewinnen der Gesamtheit der Unternehmen, und der Gesamtertrag von Obligationen kann nie höher sein als die Summe aller Coupons nach Abzug der Ausfälle und Verwaltungskosten. Die Erfahrung zeigt, dass vor allem Investitionen in Unternehmen und Immobilien die Teilhabe am Realwachstum sicherstellen. Hingegen ist die langfristige, kosten- und teuerungsbereinigte Performance von Obligationen und Anleihen im weltweiten Vergleich ungenügend. Auch Gewinne und Verluste aufgrund spezifischer Finanzmarktrisiken gehören nicht in Strategien langfristig orientierter Pensionskassen. Sie sind nur für die Akteure auf den Finanzmärkten interessant, denen sie kurzfristig grosse Chancen bieten. Mit immer neuen Versprechen auf Scheingewinne wollen sie an das Geld der Pensionskassen kommen.

Lockvogelangebote, verpackt in vermeintlich günstige ETF, Indizes und Securities werden zu Lasten der Investoren zwischen Versicherungen, Banken, Hedge- und Anlagefonds verschoben, aufgetürmt und verlocht. Die letztlich an die Investoren abgeführten Erträge beruhen auf Umverteilungen statt auf Wertschöpfungen. Die geschäftigen Finanzakteure hinterlassen kaskadenartige Kostenberge, welche die echten Erträge der Basisanlagen teils massiv reduzieren. Von Financial Engineers entwickelte, als risikolos angebotene Konstrukte bergen teils gewaltige verschleierte Risiken. Es war glücklicher Zufall, dass Adoboli nur bankeigene Mittel und keine Pensionskassengelder verzockt hat.

Herbert Brändli ist Betriebswirtschafter und Eidg. dipl. Pensionsversicherungsexperte mit einem breit diversifizierten Auftragsportefeuille. Herbert Brändli ist Gründer und Verwaltungsratspräsident der B+B Vorsorge AG, welche sich zur Aufgabe gemacht hat, mehr Dynamik und Transparenz in die berufliche Vorsorge zu bringen und ihren Kunden eine fundierte Beratung sowie interessante Alternativen zu bieten. Er kommentiert für Stocks aktuelle Entwicklungen in der eidgenössischen Vorsorgepolitik

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